Der Kunde ist König. Der Kunde kennt sich aus. Letzteres ist vor allem Prof. Google zu verdanken. Zumindest glaube ich das. Viele Kunden haben Informationen, einige sind informiert, kaum einer kennt den Unterschied. Das merkt man vor allem bei Briefings. Aber das macht nichts. Dafür gibt es uns, die Dienstleister. Hier werden Sie geholfen.

Ein Autoschauraum irgendwo im 10. Wiener Gemeindebezirk. Ein Kunde betritt die Szenerie. Er sieht sich selbstbewusst um. Ein Mitarbeiter des Autohauses geht auf ihn zu. Begrüßung. Shakehands. Die obligatorische Kaffee oder Wasser-Frage. Sie setzen sich an einen Tisch. Smalltalk. Dann geht es los.

„Ich hätte gerne ein Auto.“ Na klar. „Irgendetwas schickes, sportliches, vielleicht sogar ein Cabrio, Sie wissen für das Wochenende. Aber ich brauche einen großen Kofferraum, so für ein bis zwei Fahrräder, sonst wird es mühsam. Ich bin umweltbewusst, daher bitte ein 3-Liter Auto. Es warat wegen dem carbon footprint. Mindestens 250 PS sollte er aber schon haben, sonst kann man nicht überholen. Ich mag eher einen langen Radstand, sonst rumpelt es so auf der Autobahn. Life is a highway, you know? Aber klein muss der Wagen sein, es gibt ja kaum mehr Parkplätze in Wien.“ Natürlich. Sonst noch was? „Naja, eigentlich habe ich überhaupt kein Geld dafür. Natürlich schon ein bisschen, aber mehr als 10.000,- geht nicht, eher weniger.“

Der Mitarbeiter schweigt. Sie sehen sich an. Der Kunde hat noch eine Frage:

„Sagen Sie, haben Sie auch Flugzeuge?“

Der Mitarbeiter lächelt. Unbemerkt sucht er nach einem kleinen Knopf an der Unterseite des Tisches. Er findet ihn.

Wenig später fährt das Auto für den Kunden vor. Es ist ein kleiner, weißer Lieferwagen mit großen Schiebetüren. Auf dem Dach blinkt ein hübsches blaues Licht. Zwei Männer mit ungefähr 120 Kilogramm Muskelmasse gehen ruhig auf den Kunden zu. Sie haben etwas mitgebracht. Es ist eine schicke Slimfit-Jacke aus groben, weißen Leinen. Hinter dem Rücken kann man die Ärmel zusammenbinden. Ein Geschenk des Hauses. Der Mitarbeiter winkt als der Kunde ins Auto getragen wird.

Sie denken jetzt, das ist kompletter Unsinn? Nonsense? Sie haben Recht.

Ma, das tut mir jetzt echt leid. Das war jetzt irgendwie…naja so eine Idee…  Ich weiß, nicht lustig. Ich wollt halt. Schade um die Zeit? Na geh, jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Entschuldigung. Aber bitte geben Sie mir noch eine Chance!!!

Ein Besprechungsraum in einer Filmagentur, irgendwo im 5. Wiener Gemeindebezirk. Ein Kunde betritt die Szenerie. Er sieht sich selbstbewusst um. Ein Mitarbeiter geht auf ihn zu. Begrüßung. Shakehands. Die obligatorische Kaffee oder Wasser-Frage. Sie setzen sich an einen Tisch. Smalltalk. Dann geht es los.

„Ich hätte gerne einen Film.“ Na klar. „Irgendwas cooles, so einen Imagefilm. Sie wissen, für YouTube und so. Zielgruppe sind Kunden. Männer. Aber natürlich auch Frauen. Und wir wollen damit auch die Mitarbeiter ansprechen. Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt. Es warat wegen den Human Ressources. Kurz soll er sein, nicht länger als acht Minuten. Wir wollen zeigen, dass wir kompetent sind, unser Produktportfolio vorstellen und unsere Filialen im Ausland herzeigen.  Es darf nichts fehlen! We go the extra mile, you know? Wir wollen den Film auch auf Events und Messen zeigen. Da ist es laut, also am besten ohne Ton. Aber der Vorstand soll schon was sagen. Wir haben eine Message und die wollen wir rüber bringen.“ Natürlich. Sonst noch was? „Naja, eigentlich haben wir überhaupt kein Geld dafür. Natürlich schon ein bisschen, aber mehr als 10.000,- geht nicht, eher weniger.“

Der Mitarbeiter schweigt. Sie sehen sich an. Der Kunde hat noch eine Frage:

„Sagen Sie, machen Sie auch virale Filme?“

Der Mitarbeiter lächelt. Unbemerkt sucht er nach einem kleinen Knopf an der Unterseite des Tisches. Er findet ihn nicht. Schwarzblende.

Sie denken jetzt, das ist wieder kompletter Unsinn? Nonstop Nonsense? Sie haben ja keine Ahnung…

Alexander Strohmer

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