Jedes Film-Genre hat besondere Anforderungen. Dokumentationen über Berge und Kletterabenteuer zählen sicher zu jenen Produktionen, bei denen der Aufwand am höchsten ist. Was braucht man eigentlich um einen packenden Bergfilm zu produzieren?

Die harte Wahrheit gleich vorweg: eine Filmproduktion am Berg ist die ständige Kompensation diverser Mangelerscheinungen: eingeschränkte Kommunikation, schwierige Energieversorgung, spärlich sortiertes Ersatzteillager, fehlender Schlaf, komplizierte Verpflegungssituation, viel Luft – aber wenig Sauerstoff. Um diese vielfältigen Problemstellungen zu lösen, braucht es besondere Menschen.

Spezialisten an die Macht – Die unsichtbaren Helden

Das Wichtigste ist – wie bei jedem Projekt – das Team. Bei Kameramännern, Assistenten, Drohnen-Piloten und Toningenieuren sind Fähigkeiten gefragt, die ihre Kollegen auf Meereshöhe nicht immer leisten könnten. Sie müssen ihre filmischen Aufgaben in alpinen Extremsituationen erfüllen. Um hier zu bestehen, braucht es bergsteigerische Kompetenz, gute Kondition und viel Erfahrung. Personen die diesem Anforderungsprofil entsprechen, sind rar gesät.

Regisseure haben es am Berg in der Regel etwas einfacher. Bei guter Absprache und Kommunikation mit dem Kamerateam müssen sie sich nicht in jede Wand abseilen oder schwierigste Klettereien meistern. Es ist als inhaltlicher Verantwortlicher ohnehin besser die eigenen Fähigkeiten nicht zu überschätzen. Ein Regisseur in Bergnot kostet Zeit bzw. Geld und hilft dem Filmprojekt nicht weiter.

Wer nicht gut trainiert ist, hat bei solchen Filmproduktion nichts zu suchen. Über Tage hinweg müssen Rucksäcke mit bis zu 25 Kilogramm im steilen Gelände transportiert werden. Dabei sind die zu filmenden Protagonisten durchgehend äußerst gut trainierte Ausnahmebergsteiger deren Schritt und Tempo  jedes Crewmitglied einigermaßen mithalten muss. Eine ausgeprägte Leidensfähigkeit ist von Vorteil.

Für jeden Film braucht es Experten. Aber egal wie sich das Team zusammensetzt, es muss in Stresssituationen sowohl inhaltlich wie auch zwischenmenschlich funktionieren, damit die gestellten Herausforderungen gemeistert werden können. Gelingt dies, ist Basis für einen guten Film gelegt.

Eisklettern | Making of

Teil 2 unserer #bts Bilder vom Bergwelten Dreh am Sass Pordoi. Grandiose Landschaft, grandiose Bilder, grandioses Team! 📷 Federico Modica Photographer

Gepostet von WEST4MEDIA am Dienstag, 3. April 2018

Technik und Ausrüstung

Das Einpacken für Dreharbeiten am Berg ähnelt der Quadratur des Kreises. Man muss auf alle Eventualitäten vorbereitet und gleichzeitig im Sinne der Traglast so leicht und geländegängig wie möglich sein. Jedes Gramm wiegt bei entsprechendem Höhenmeter doppelt und dreifach. Nicht nur einmal hat Bergsteigerlegende Peter Habeler bei Dreharbeiten im Iran beim Blick auf unser Gepäck den Kopf geschüttelt und unsere Zurechnungsfähigkeit angezweifelt. Gewichtsmanagement ist für Alpinisten die Gretchenfrage.

Dabei gilt es zu beachten, dass nicht nur die Kameraausrüstung transportiert werden muss. Um eisige Winternächte auf zugigen Klippen zu überstehen, ist zusätzlich Spezialausrüstung notwendig. Wer einmal versucht hat im Stil eines Hobby-Campers den Launen eines Schneesturms auf 3.000 Meter Seehöhe zu trotzen, wird sich – sofern gesund zurück im Tal – ab sofort nur mehr dem gut sortierten Bergsportfachhandel zuwenden.

Prototypen und Kommunikation

Bergkameras gibt es selten von der Stange. Für die verschiedenen Einsatzgebiete braucht es teils selbst gebaute Prototypen. Eine Kamera, die man beispielsweise 80 Meter tief in eine Gletscherspalte abseilen kann und dabei nicht verwackelte Bilder generiert, ist am Markt nicht zu bekommen. Die Entwicklung dieser Spezialkonstruktionen erfordert Gehirnschmalz und ideelle Muße. Der Wille das bestmöglichste Bild einzufangen, wohnt einem guten Kameramann inne und ist nicht mit Geld zu erkaufen.

Die komplexe Technik und ihre bedienende Mannschaft zu koordinieren, ist die nächste große Herausforderung. Bei komplizierten Aktionen im Gebirge sind bis zu fünf Kamerateams, ein Kamera-Hubschrauber, Drohnen, zahlreiche Bergretter und Bergführer und natürlich die Protagonisten im Einsatz. Hier braucht es einen ausgefeilten und gut abgesprochenen Plan, der im Notfall auch ohne direkten Kontakt umzusetzen ist.

Die Zeit läuft

Bezüglich der Zeit gibt es beim Drehen am Berg zwei Konstante. Erstens: eine Drehstunde im Tal entspricht drei Stunden am Berg. Zweitens: der Drehtag ist meistens erst vorbei, wenn die Sonne untergegangen ist. Warum ist das so?

Man darf nie vergessen Zustieg, Aufstieg und den Abstieg einzuberechnen. Dazu kommt, dass man exponierte Stellen wie große Wände doppelt drehen muss. Beim ersten Mal werden die Hauptprotagonisten und die gesamte Szene total aufgenommen. Man sieht den großen Blick aufs Ganze. Ein am Seil hängender Kameramann neben den Kletterstars würde der Szene die Magie rauben. Deswegen muss die gesamte Crew aus dem Bild. Das kostet bei gut überblickbarem Gelände sehr viel Zeit. Erst beim zweiten Durchlauf können die Details und Nahaufnahmen gedreht werden.

Zu guter Letzt bewegt sich der Tross in der Vertikalen natürlich generell langsamer. Das gilt doppelt bei winterlichen Drehs im Schnee. Hier werden aus kurzen Distanzen endlos scheinende Wege.

Aber nicht nur die Drehzeiten sind länger. Nach Drehschluss muss die Unterkunft erreicht werden. Die kann durchaus ein paar Kilometer bzw. einige hundert Höhenmeter entfernt sein. Dort angekommen warten leider keine Assistenten, die die Ausrüstung in Empfang nehmen und für den nächsten Tag vorbereiten. Meist ist man gezwungen in provisorisch eingerichteten Lagern das Equipment zu pflegen und das gesammelte Drehmaterial zu sichern. Auch dies nimmt je nach Drehaufwand einige Stunden in Anspruch.

Grob gesagt, richten sich Dreharbeiten am Berg viel mehr nach den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Wenn die Sonne aufgeht, beginnt das Tagwerk bei bestem Licht und erst wenn die Sonne wieder untergeht werden die Kameras ausgeschalten. Auf diesen Rhythmus muss man sich einstellen. Die Tage sind lang. Manchmal noch länger. Besonders, wenn das Wetter den Drehplan zerpflückt.

Faktor Wetter

Nur im Einzelfall ist Schlechtwetter ein dramaturgischer Gewinn. Und wenn man tatsächlich eine Front brauchen würde um einen Wetterumbruch zu simulieren, herrschen mit großer Wahrscheinlichkeit stabile Hochdruckverhältnisse.

Generell ist beim Thema Wetter Gelassenheit gefragt. Einmal wird man belohnt, das andere Mal weint nicht nur der Himmel. Drehen am Berg ist Freiluftsport.

Behind the scenes / Bergwelten Trentino

Wetterbericht aus Trentino von DOP Mun Go. Wie kalt ist es da oben? ServusTV Bergwelten

Gepostet von WEST4MEDIA am Donnerstag, 4. April 2019

Die Geschichte kommt nicht vom Berg – man muss auf den Berg

Im Idealfall ergeben sich aus Dreharbeiten bereits Ideen für neue Filme. Um diese in spannende Drehbücher zu verwandeln, braucht es viel Recherchearbeit. Echte Geschichten kann man nicht googeln. Diese Weisheit gilt natürlich nicht nur für das Berg-Genre. Zumeist erfährt man neue spannende Erzählungen nur von Menschen aus der Region.

Fazit

Die Produktion einer spannenden Bergdokumentation ist mit hohem finanziellen Aufwand in allen Belangen verbunden. Es braucht viele und vielseitige Experten, die Drehzeiten sind immer lang und intensiv und die nicht steuerbaren Kräfte der Natur können gut gemeinte Pläne mit einem Handstreich vernichten.

Und dennoch ist es eine sehr lohnende Arbeit, die bei erfolgreichem Abschluss beim Publikum wie auch den Produzenten bleibende Eindrücke hinterlässt.

Menschen die sich für das Genre der „Berg-Dokumentationen“ begeistern, sind bereit die Extra-Meile zu gehen. Auch vertikal. Sie sind in der Regel Idealisten, denen das Endprodukt wichtiger ist als die Hindernisse am Weg zum Gipfel.

Mathias Peschta

About Mathias Peschta